Wie PEP® und die NARM-Prinzipien meinen Blick auf Veränderung verändert haben
Von Schutz, Selbstregulation und neuen Spielräumen
Was macht Veränderung möglich?
Als ich PEP® – Prozess- und Embodimentfokussierte Psychologie – kennenlernte und mich später intensiver mit den Prinzipien des NeuroAffective Relational Model (NARM) beschäftigte, begegnete ich zwei unterschiedlichen Zugängen zu Veränderung.
Heute prägen beide wesentlich, wie ich Veränderungsprozesse verstehe und begleite. Dabei sind Fragen für mich zentral geworden, die weit über einzelne Methoden hinausreichen: Was braucht es, damit Veränderung gelingen kann? Was hilft, wenn die Richtung noch unklar ist? Was möchte verstanden und gewürdigt werden? Was kann wieder zugänglich werden? Wann hilft Regulation? Und wie können neue Spielräume entstehen?
Am Anfang steht das Anliegen. Manchmal ist sehr klar, was ein Mensch für sich verändern möchte. Manchmal zeigt sich zunächst eher eine Sehnsucht, eine Belastung oder eine noch undeutliche Richtung. Interessant wird, was von dort aus sichtbar wird:
Was möchte werden – und was steht dem gegenwärtig im Weg?
Verstehen kann auf unterschiedlichen Ebenen entstehen
Einige Menschen, die ich begleite, haben bereits intensiv über ihre Situation nachgedacht. Sie erkennen Muster, können Zusammenhänge benennen und wissen ziemlich genau, was sie gerne verändern würden.
Manchmal fügt sich eine neue Erkenntnis wie ein fehlendes Puzzleteil ein. Plötzlich ergibt etwas Sinn, das lange irritiert oder gebunden hat. Ein Zusammenhang wird verständlich – und mit dieser neuen Stimmigkeit kann sich auch emotional etwas lösen.
In anderen Situationen weiß der Verstand längst Bescheid, während Körper und Gefühle weiter nach einer älteren Logik reagieren. Angst ist spürbar, obwohl die Situation rational als sicher eingeschätzt wird. Das gewünschte Nein kommt schwer über die Lippen. Eine alte Beschämung wirkt erstaunlich gegenwärtig. Verantwortung wird übernommen, obwohl sie eigentlich an anderer Stelle liegt.
Gerade Menschen, die sehr schnell denken, differenziert reflektieren und sich vieles erklären können, erleben dabei mitunter eine besondere Grenze ihrer Stärke: Der Verstand findet für fast alles eine Erklärung. Der Zugang über das körperliche Erleben kann dann eine andere Tür öffnen – zu dem, was sich durch Denken allein kaum erschließen lässt.
Das hat mein Verständnis von Verstehen erweitert: Manches erschließt sich über Denken und Einordnen. Anderes wird zugänglich, wenn Gefühle, Körperwahrnehmung und neue Erfahrungen hinzukommen.
In vielen Entwicklungsprozessen können deshalb zusätzliche Zugänge hilfreich sein. Was verstanden wurde, kann auch körperlich und emotional erfahrbar werden – und eine neue Erfahrung kann etwas in Bewegung bringen, was eine Erklärung allein bislang nicht konnte.
PEP® – wenn Regulation neue Spielräume eröffnet
PEP® verbindet psychotherapeutische Zugänge mit körperbezogenen Interventionen. Dazu gehören sensomotorische Techniken, bei denen bestimmte Punkte auf der Oberfläche des Körpers berührt oder beklopft werden, ebenso wie sprachliche Interventionen. Entscheidend ist für mich das Zusammenspiel: Körper, Emotion und Denken werden gemeinsam angesprochen.
Hohe emotionale Aktivierung kann dabei regulierbarer werden. Zugleich richtet sich der Blick auf Überzeugungen, Vorwürfe gegenüber sich selbst oder anderen, Erwartungen und Loyalitäten, die einer gewünschten Entwicklung im Weg stehen können. Die Beziehung zu sich selbst und das eigene Selbstwertgefühl spielen dabei ebenfalls eine wichtige Rolle.
Was mich daran besonders inspiriert, ist eine Art Beidhändigkeit: Das Schwierige darf da sein. Gleichzeitig richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, was stärkt, entlastet und neue Möglichkeiten eröffnet.
Diese Beidhändigkeit zeigt sich auch praktisch. Menschen werden in PEP® von Anfang an selbst aktiv. Diese Praxis der Selbststärkung kann zwischen den Sitzungen weitergeführt werden. Durch Wiederholung werden neue Gedanken und Erfahrungen vertrauter.
Dabei kann etwas Interessantes geschehen: Annahmen über sich selbst, die eigenen Möglichkeiten oder das Leben geraten in Bewegung.
Vielleicht könnte es auch anders sein.
Darin liegt für mich eine wichtige Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Das eigene Denken und Erleben wird beweglicher, und neue Spielräume werden vorstellbar und erfahrbar.
Mich hat an PEP® von Anfang an noch etwas anderes angesprochen: die Haltung von Humor, Leichtigkeit und Zuversicht. Gerade bei schweren Themen erlebe ich sie als starke Ressource. Biografische Erfahrungen dürfen in ihrer Bedeutung da sein und gewürdigt werden. Zugleich bleibt offen, was sich daraus noch entwickeln kann.
Ein gegenwärtiger Zustand schreibt nicht fest, was künftig möglich sein wird.
Die NARM-Prinzipien – die Intelligenz des Schutzes verstehen
Die Beschäftigung mit den NARM-Prinzipien hat meinem Blick eine weitere Dimension hinzugefügt. Eine Frage ist für mich dabei zentral:
Wozu war das, was sich heute schwierig oder hinderlich zeigt, einmal gut?
Kinder finden Wege, mit den Bedingungen umzugehen, in denen sie aufwachsen. Sie halten Gefühle oder Bedürfnisse zurück, übernehmen früh Verantwortung, passen sich an oder richten ihre Aufmerksamkeit stark darauf, was ihre Umgebung von ihnen erwartet. Unter schwierigen Bedingungen können genau darin Möglichkeiten liegen, Zugehörigkeit, Bindung oder innere Stabilität zu bewahren.
Was heute den eigenen Handlungsspielraum begrenzt, kann in einer früheren Lebenssituation eine kluge Form von Schutz gewesen sein. Mich berührt daran bis heute etwas Grundsätzliches.
Es erscheint mir manchmal wie ein Wunder, welche Wege die menschliche Seele findet, um unter widrigen Bedingungen leben und überleben zu können.
Schutz kann dabei auch bedeuten, den Kontakt zu etwas Eigenem zurückzunehmen: zu einem Bedürfnis, einem Gefühl, einem Nein oder einem Impuls. Was früher einmal geholfen hat, Beziehung oder Zugehörigkeit zu sichern, kann später den Kontakt zu sich selbst erschweren.
Deshalb interessiert mich neben der früheren Funktion einer Strategie auch, was wieder zugänglich wird, wenn sie heute weniger gebraucht wird.
Ein traumasensibler Blick beginnt für mich mit Neugier und Respekt gegenüber dem, was ein Mensch entwickelt hat. Die frühere Funktion verstehen, ihre Leistung würdigen – und von dort aus erkunden, was heute noch gebraucht wird und welche anderen Möglichkeiten inzwischen offenstehen.
Erfahrungen prägen uns und hinterlassen Spuren. Für die eigene Entwicklung ist zugleich bedeutsam, wie wir heute mit diesen Spuren umgehen.
Die Vergangenheit hat Bedeutung. Und die Gegenwart bietet Gestaltungsspielraum.
Das Woher kommt das? kann helfen, Zusammenhänge zu verstehen und dem eigenen Erleben mit mehr Klarheit zu begegnen. Daneben gewinnt für mich eine zweite Perspektive an Gewicht: Was ist heute möglich? Gegenwärtiges Erleben wahrnehmen, seine Herkunft verstehen, wo sie für das Anliegen bedeutsam ist – und erkunden, welche neuen Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten es geben könnte.
Regulation kann mehr sein als Beruhigung
Traumasensibel zu arbeiten bedeutet für mich auch, Regulation differenziert zu verstehen.
Wut ist dafür ein gutes Beispiel. Sie kann belasten und überwältigen. Sie kann ebenso Kraft, Klarheit und Abgrenzung ermöglichen. Bei einer erlittenen Verletzung darf Verantwortung bei der Person bleiben, die sie verursacht hat. Nachvollziehen zu können, weshalb ein anderer Mensch verletzend gehandelt hat, ist das eine. Ob daraus der Wunsch entsteht, ihm zu verzeihen, ist etwas anderes. Welcher Weg passend ist, ist individuell verschieden.
Manchmal entsteht die Möglichkeit zur Entwicklung gerade dadurch, dass etwas zuvor vollständig ernst genommen und gewürdigt wurde.
Nervensystemregulation bedeutet für mich deshalb mehr als Beruhigung. Sie kann die Fähigkeit erweitern, unterschiedlichen inneren Zuständen handlungsfähiger zu begegnen. Ein Gefühl kann wahrgenommen, gehalten und – wenn es stimmig ist – ausgedrückt werden.
Angst kann sich beruhigen.
Ein lange zurückgehaltener Protest kann kräftiger werden.
Trauer darf auftauchen.
Ein Nein wird körperlich spürbar.
Kraft wird wieder zugänglich.
Regulation kann bedeuten, ruhiger zu werden. Und sie kann bedeuten, wieder lebendiger zu werden.
Der Blick auf Schutz und Regulation hat für mich zugleich eine weitere Frage geöffnet: Welche anderen Erklärungen kommen in Betracht, wenn Menschen anders wahrnehmen, erleben oder reagieren als erwartet? Biografische Erfahrungen und Schutz sind mögliche Perspektiven. Ebenso kann Unterschiedlichkeit Ausdruck individueller neurologischer Vielfalt sein.
Zu meinem mehrdimensionalen Blick gehört für mich deshalb auch die Offenheit für Neurodiversität.
Was Veränderung für mich heute bedeutet
Mich interessiert, was ein Mensch für sich sucht – auch wenn die Richtung zunächst noch unklar ist. Und immer wieder öffnet sich dabei eine Frage:
Was ist heute möglich?
Gestaltungskraft zeigt sich für mich dort, wo Wahlmöglichkeiten entstehen und Menschen herausfinden können, was für sie heute stimmig ist.
Meine Aufgabe sehe ich darin, einen Raum mitzugestalten, in dem genau das möglich wird.
Vielleicht ist das die wichtigste Veränderung meines eigenen Blicks: Ich schaue noch aufmerksamer auf das, was in einem Menschen nach Entwicklung sucht – und auf die Sehnsucht der Seele, die darin sichtbar werden kann.
Was uns geprägt hat, verdient Würdigung.
Und was daraus werden kann, bleibt offen.